Art Collection

1.4.2018

Denijen Pauljevic http://www.denijen.com

Geboren in Belgrad, flüchtete Denijen Pauljević während der NATO-Bombardements in Jugoslawien nach Deutschland und verbrachte vier Jahre in einem Asylheim. Er studierte interkulturelle Kommunikation, nahm an der Drehbuchwerkstatt der Hochschule für Fernsehen und Film in München teil und arbeitete an verschiedenen Literatur-, Drehbuch- und Theaterprojekten. Seit 2013 ist er für die Koordination der Münchner Balkantage mitverantwortlich und arbeitet im Eventmanagement und der Konzeptentwicklung bei Hilfe von Mensch zu Mensch e.V. Außerdem engagiert er sich beim Münchner Aktionsbündnis Meet your neighbours. 2014 erhielt Denijen Pauljević die Autorenförderung Raniser Debütfür „Der Wundenleser“, 2015 das Literaturstipendium der Stadt München für „Mimicria“.

 

Der Aufgang des Morgenabends oder das Unterland des Abendrots

Das Schloss zwischen Himmel und Erde. So wurde der Titel eines serbischen Märchens in der DDR übersetzt, wie ich vor kurzem erfahren habe. Eigentlich heißt es – Das Schloss, weder im Himmel noch auf der Erde. Als ich fünf Jahre alt war, bekam ich es vor dem Schlafengehen vorgelesen: nachdem eine Prinzessin von einem Drachen entführt wurde, machen sich ihre drei Brüder auf die Suche nach ihr und stellen fest, dass sie in einem Schloss zwischen Himmel und Erde festgehalten wird. Der jüngste Bruder opfert sein Pferd, er macht aus dessen Haut einen Riemen, der an einem Pfeil befestigt und mit dem Bogen auf das Schloss hinaufgeschossen wird. Dort hakt sich der Pfeil fest und der junge Mann klettert an dem Riemen hinauf. Im Hauptsaal sieht er seine Schwester – der Drache schläft, den Kopf in ihrem Schoß, während sie ihn laust. Sie gibt ihrem Bruder ein Zeichen und er schlägt dem Drachen in die „Zeugungskraft“. Das Ungeheuer stirbt. Es gibt viele Schätze und drei hübsche Mädchen im Schloss. Die beiden älteren Brüder sind nun neidisch darüber, dass der Jüngste der Held ist – sie reißen die Schätze, die Schwester und die Mädchen an sich und lassen ihn nicht hinunterklettern, indem sie den Riemen anzünden. Auf dem Weg zu ihrem Vater, dem König, begegnen sie einem Hirtenjungen und verkleiden ihn als ihren Bruder. Bevor die drei jedoch die hübschen Mädchen heiraten können, kommt der Jüngste auf einem Rappen angeflogen – den er im Stall des Schlosses gefunden hat -, gibt seinen Brüdern jeweils einen leichten Stoß mit der Keule in den Rücken, den Hirten aber schlägt er tot. Alles geklärt, alle glücklich. Ich schlief unzufrieden ein. Es gefiel mir nicht, dass der Hirtenjunge sterben musste, dass er ein wehrloses Opfer war. 2

Vor allem aber irritierte mich seine Passivität. Und die Schwester hätte ihrem Vater sofort erzählen müssen, dass ihr jüngster Bruder in einem Schloss in den Wolken zurückgelassen worden war. Ich vergaß die Geschichte bald und floh dreizehn Jahre später nach Deutschland, um dem Krieg zu entkommen, in dem Brüdervölker gegeneinander kämpften. Ich wollte nicht schießen und vor allem – wollte ich nicht erschossen oder totgeschlagen werden. Unterwegs dachte ich an das Gedicht eines jugoslawischen Poeten – Die Sonne des fremden Himmels wird nicht so warm sein wie die der Heimat. Die Sonne in Süddeutschland wurde immer heißer und ich verdrängte das Gedicht. Zwei Jahre später hörte ich vom Buch eines deutschen Geschichtsphilosophen – Der Untergang des Abendlandes. Zwei Mal s, an den Enden zweier aufeinander folgenden Wörter. Die Melodie und der Rhythmus gefielen mir, es klang mysteriös, wie ein Geheimspruch, und der Titel ging mir in einer endlosen Schleife durch den Kopf. Ich fragte mich, ob meine Heimat auch zum Abendland gehörte – denn dort schien alles unterzugehen-, und ob ich in Deutschland heimatlos und orientierungslos bleiben würde, unfähig mit Menschen zu kommunizieren, ohne die Möglichkeit zu arbeiten oder zu studieren. Achtzehn Jahre später durfte ich wieder nach Serbien fahren, der Krieg war längst vorbei. Dort sprach ich Serbisch mit deutschem Akzent, konnte mich an meine Kindheit nicht erinnern und erkannte keinen einzigen Menschen. Ich fuhr zurück nach Deutschland und sprach Deutsch mit serbischem Akzent. Auch hier erkannte ich keine Menschen und fragte mich, was ich in den achtzehn Jahren eigentlich gemacht hatte – außer mich mit Sprachen zu beschäftigen. Ich brachte alle meine Bücher in den Keller hinunter und wartete. Eine Zeit lang passierte nichts. Bis mir das Märchen wieder einfiel – 3

Das Luftschloss, wie es in der neueren deutschen Übersetzung heißt. Ich bin weder im Himmel noch auf der Erde, ich habe weder ein Zuhause noch habe ich keins. Ich wurde nicht entführt, ich bin kein Drache, ich habe keine Geschwister, ich bin kein Held. Ich bin der Geist des Hirtenjungen, der in das Schloss zwischen zwei Welten hinaufgeklettert ist. Keine Schätze, keine Mädchen, und auch keine bösen Brüder. In der Gesellschaft eines toten Drachen ohne Zeugungskraft.

entstanden im Rahmen des Projekts „Meet Your Neighbours“

22.3.2018

Barbra Breeze Anderson http://www.africanandmodern.com/

Barbra is a young multi-talented Zimbabwean creative who not only writes poetry and prose but also designs custom-made bags with a colourful and African feel. Through her writing she explores themes on gender, home, security and identity, juxtaposing her personal feelings and experiences in her poetry and stories.As a young woman who has faced growing up the struggle of financial insecurity, she hopes through her efforts towards establishing stable life for herself, she can also reach out to both the young women and men in her country who to this day struggle because of a corrupt system and a failing economy.With a passion for travel and stories, she not only writes and reads her poetry but captures images from her travels of which she posts on her blog. Barbra believes strongly in the value of educating young girls and aims to shed light on her experiences as a young woman growing up in Africa.

 REFLECTIONS THROUGH THE MIRROR OF THOUGHT

Dances of the people for Freedom

 I find myself in Germany, caught in a moving circle of work and work and more work. Dealing with my mixed feelings of home and being an uncertain migrant with an equally uncertain future I also feel that I am lacking of one thing that keeps the demons at bay. This particular thing is ‘dancing’, and when I was in Zimbabwe or visiting other surrounding countries like South Africa, I went out occasionally to dance to music.

I come from a culture where dance is one of the driving forces of social encounters that peels away the layers of reservations piled up in us humans. Dance, as a method of emotional release is powered and energised by the sounds of the long drums, the crackling sound of the rattles and of the mystical and light toned melody of the Mbira (a thumb instrument found also in Mozambique, Malawi, to name a few).
And so, in celebration of the power and beauty of dance I wrote:

 ‘Dances of the people for Freedom’

This is the conversation of old,
from the ancient times.
Heart pulsating connections,
sweat dripping hunger,
feet tapping,
hips swaying,
breasts sagging,
this is the ancient ritual of humanity,
the ritual to dance to the rhythm like there is no tomorrow.
To touch in conversation of pulsating heartbeats.
As the people stood as if about to run,
as if about to take the next step into the new millennium
sound lured them on
the blood coursing through their bodies.
As the sound
blurred distracted thoughts,
they moved for the first time, each taking on rhythm
joined but separated in the individuality of movement.
The people, taken in by the sound,
the sound of old,
in pleasurable numbness the sorrow seemed to fade slowly.
Their heartbeats, echoing, voices singing
to the rhythm of the drumbeat,to the notes of the guitar,
to the melody of the trumpet.
The people’s dances travelling farther, forward and back,
on other continents,
in spaces unknown.
From ancient days
to the many nows;
on days of honour,
of plenty of celebration;
on days of remembering,
of mourning;
in days of war,
in days of victory.
The people taken in by the sound,
the sound of old.
The music sinking the pain into the abyss
inciting men to act,
to act for pleasure, for desire, for hope,
for idealism, for passion, for certainty.
The music of old
sinking the pain into an abyss.
In these moments, in these nows
music leads the way.
The dance creating pulsating energies
criss-crossing into the universe,
so that the other races to come
will remember,
that through dance, their hearts can beat as one.
Beating as one to the pounding on drums, the laborious melody.
The races of men, like they discovered fire
becoming the lovers of Sound
giving freely to its loving and gentle caress.
There is no sin in the embrace of rhythm,
the rhythm moving through the body
stretching and caressing each sinew,
each limb, moving steadily, readily
freely.
Moving steadily in a sweet surrender, the body awakened in a flow of energy.
Feet moving, hips swaying,
as if trained, with no hesitation,
following the steps
the steps of rhythm.
Thins legs, fat legs ripped thighs, scrawny thighs
moving backwards, forwards,
feet tapping, feet banging,
hands flying, bodies shaking.
This is the conversation,
the sound of old.
From the ancient times,
to the many nows.
Heart pulsating connections,sweat dripping hunger,
feet tapping,
hips swaying,
breasts sagging.
This is the ancient ritual of humanity,the ritual, to dance to the rhythm like there is no tomorrow
To touch in conversation of pulsating heartbeats.
These are the dances of the people
dances for freedom,
freedom of the soul and the mind.
© Barbra Anderson

2013

Herwig Turk http://www.herwigturk.net


Herwig Turk arbeitet als Künstler in Wien und Lissabon. Seine Projekte entstehen im Spannungsfeld von Kunst, Technologie und Wissenschaft. Von 2000–2009 Zusammenarbeit mit Dr. Paulo Pereira, Leiter der Ophthalmologischen Abteilung von IBILI Coimbra. Seit 2010 Artist in Residence am IMM (Instituto da Medicina Molecular), Lissabon. In den letzten Jahren wurden seine Arbeiten u. a. im Museum Moderner Kunst Kärnten, in der Galerie Georg Kargl Wien, im Neuen Museum Weserburg Bremen, im TESLA Labor für Medienkunst Berlin, im MAK Museum of Applied Arts / Contemporary Art Wien, im 21er-Haus Wien, im Museum der Moderne Salzburg, bei der Transmediale Berlin und im Seoul Museum of Art gezeigt.

Herwig Turk: Mirror Systems (2012)
In seiner intermedialen Installation Mirror Systems präsentiert der in Lissabon und Wien lebende Künstler Herwig Turk eine Auswahl von künstlerischen Statements zum Leben im digitalen Netzwerk. Gezeigt werden vier Arbeiten, die an mehreren Standorten der Alpen-Adria-Universität den Umgang mit realen und virtuellen Identitäten im Alltag veranschaulichen.


I. Talking Handbags (2012)
Installation, mixed Media, Dauer der Audiotracks 4 – 9 Min.
In dieser Installation werden verschiedene Handtaschen zu „sprechenden“ Objekten. Sie waren Teil von You-Tube-Videos, die unter dem Thema „What’s in my bag” oder „What’s in my purse” ins Internet gestellt wurden. Die Stimmen, die aus den Handtaschen ertönen, wurden von den Videos übernommen und vermitteln eine Vorstellung der Objekte und Personen, die als Bilder nicht präsent sind.
In den urprünglichen Videos präsentieren jüngere und ältere Menschen den Inhalt ihrer Handtaschen und teilen bereitwillig teilweise Intimes, teilweise Banales mit einer anonymen Öffentlichkeit. Dieses Format eignet sich auch für verschiedenste Arten der Selbstdarstellung, der Persiflage oder auch für Productplacement-Strategien. Die Inszenierung wird durch Marken, Gadgets und Alltagsobjekte erreicht, die Ordnung der Dinge als Spiegel der Person genutzt.
Das Projekt wurde von Dr. Michaela Amort (www.tschilp.at) begleitet.

II. Sound Gateways (2012)
Sensorgesteuerte Audio-Installation, Dauer ca. 5 Min.
Sound Gateways ist eine Hommage an Esra‘a Al Shafei aus Bahrein, der Gründerin der Plattform Mideast Youth. Sie spricht über die Aspekte ihrer Online- und Offline Persönlichkeit und über Meinungsfreiheit im spezifischen lokalen Kontext (Bahrein). Weiters erzählt sie von ihrer Ausbildung in der ambivalenten Situation einer konservativen Bildungspolitik sowie einem breiten Angebot an Inhalten und Bildungsmöglichkeiten im Internet. Als Migrantin thematisiert sie außerdem die Diskriminierung von Minderheiten und den Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung in einer erstarrten Gesellschaft.

III. Miss U‘s Bedroom (2012)
Installation, mixed Media mit Videoprojektion, ca. 300 x 200 x 200 cm.
Die Arbeit ist eine skizzenhafte Rekonstruktion des Schlafzimmers von Miss U (Uzma Acha), einer Netzaktivistin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, deren Tagesablauf zunehmend von ihrer Präsenz in digitalen Netzwerken bestimmt wird.
Collagenhaft wird aus originalen Gegenständen, nachempfundenem Mobiliar und Fotos ein eigenes Szenario entwickelt. Darin kommt es zur Verschränkung der Privatsphäre mit vielen biografischen Versatzstücken und der öffentlichen politischen Aktivität, die den Alltag der arabischen Aktivistin reflektiert. Zentral ist der Laptop im Bett und ein Chat, der auf die Bettdecke projiziert wird und die Vermischung von persönlichen und professionellen Aktivitäten spiegelt. Das Bücherregal mit einem Teil der persönlichen Bibliothek von Miss U dokumentiert die interkulturelle Kompetenz und die politischen Interessen der Aktivistin und Bloggerin Miss U.

IV. Need (2012)
Tintenstrahldruck auf PVC, 150 x 200 cm.
Die amerikanische Bloggerin Jem Ross (www.jemibook.com) nahm dieses Foto im April 2009 in der Umkleidekabine von Charlotte Russe in Minneapolis auf. Seit 2005 veröffentlicht Jem viele Aspekte ihres Privatlebens auf digitalen Plattformen und in Fanzines und teilt ihre Interessen und Erfahrungen konsequent mit verschiedenen Online-Communities.
Mode, Musik und Ernährung sind als Themen vorrangig, wobei sich durch die lange Praxis der Online-Dokumentation verschiedene Genres in ihrer Fotografie herausgebildet haben. Eines davon sind die Aufnahmen in Umkleidekabinen, die in dem ausgewählten Foto die Vielschichtigkeit und Unkontrollierbarkeit der Generierung des Selbstbildes dokumentieren.

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